Alte Arbeitnehmer fordern Reha heraus

Ältere Arbeitnehmer haben künftig ein stärkeres Gewicht in den Belegschaften. Damit wächst die Bedeutung der Rehabilitation. Folge: Der Reha-Budgetdeckel muss modifiziert werden – um 1,1 Prozent, empfiehlt die Prognos AG. Gehörten Mitarbeiter jenseits der 50 noch vor wenigen Jahren zum alten Eisen, von dem sich die Betriebe mit staatlicher Subventionierung verabschiedeten, so zeichnet sich nun ein Paradigmenwechsel ab. Die steigende Lebenserwartung und die auf längere Sicht aufs Altenteil gehende Babyboomer-Generation hat die Rente mit 67 notwendig gemacht. Das heißt aber auch: Die Zahl und der Anteil der älteren Beschäftigten wird kräftig steigen. 2008 waren knapp 6,2 Millionen Beschäftigte 55 Jahre und älter, 2020 werden es 8,5 Millionen sein, und 2025 9,4 Millionen Menschen. Dabei wird die Zahl der Erwerbstätigen insgesamt um etwa 800000 zurückgehen. Damit steht die Volkswirtschaft vor der Herausforderung, ihre Produktivität durch Gesunderhaltung insbesondere der älteren Generation zu sichern. Ein wesentlicher Baustein ist dabei die Rehabilitation als Leistung der gesetzlichen Rentenversicherung. Die Ausgaben dafür sind allerdings nach der gegenwärtigen Gesetzeslage strikt budgetiert und dürfen sicht stärker steigen als die Grundlohnsumme. Eine Orientierung am – absehbar wachsenden – Bedarf ist nicht vorgesehen. Bis 2010 war für Wachstum jenseits des Grundlohnanstiegs noch Spielraum, vor allem weil zwischen 2001 und 2005 die Zahl bewilligter Reha-Anträge stagnierte. Im Jahr 2010 wurde das Budget mit 5,38 Milliarden Euro ausgeschöpft. Die Unternehmensberatung Prognos AG hat nun im Auftrag der AG MedReha ausgerechnet, in welchem Ausmaß das Reha-Budget angepasst werden müsste, um der wachsenden Alterung der Erwerbstätigen gerecht zu werden. Wird die gegenwärtige Rehabilitationsquote bei den über 55hährigen beibehalten, so führt allein dies zu einem Anstieg der Rehabilitationsfälle um 100000. Der Grund: Es sind vor allem die Babyboomer, die nun das vorgerückte Alter im Erwerbsleben erreichen. Gelingt es darüber hinaus, die Erwerbsquote in dieser Altersgruppe zu steigern, dann führt dies zu nochmals 78000 zusätzlichen Reha-Fällen. Erköärte Strategie der Bundesregierung ist es, auch den erwerbsumfang zu erhöhen, also Teilzeit- der Vollzeitbeschäftigung anzunähern, so würde dies weitere 23000 Reha-Fälle verursachen. Wollte man die Reha-Quote von derzeit 5,6 auf 6,1 Prozent steigern, wäre mit weiteren 59000 Reha-Fällen zu rechnen. Das heißt: im Jahr 2025 gäbe es brutto 250000 zusätzliche Rehabilitations-Fälle. Zusammen mit einer morbiditätsbedingten notwendigen Intensivierung der Reha steigt der Finanzmittelbedarf um 31,1 Prozent stärker als es die prognostizierte Grundlohnsummenentwicklung erlauben würde. Allerdings gibt es auch einen entlastenden faktor: den Rückgang der Erwerbstätigen unter 55 Jahren. Das schlägt mit minus zehn Prozent bei den notwendigen Ausgaben zu Buche, sodass der Netto-Reha-Mehrbedarf bei 21,1 Prozent liegt. Dieser Mehrbedarf könnte abgedeckt werden, wenn das Reha-Budget von jetzt ab gerechnet um 1,1 Prozent stärker als die Grundlohnsumme steigt. Die Prognos-Experten sprechen in diesem zusammenhang von einer investiven Reha-Bedarfsdarstellung. Dass die Notwendigkeit dafür besteht, darin ist sich die medizinische Fachwelt einig: Chronische Erkrankungen nehmen zu; ebenso psychische Erkrankungen, ferner wird Multimorbidität häufiger. Wenn aber nicht mehr genügend junge Erwerbstätige zur Verfügung stehen, müssen Arbeitgeber umdenken. Prognos: „Den notwendigen Paradigmenwechsel haben die Unternehmen aus betrieblicher Notwendigkeit eingeläutet. Betriebliche Gesundheitspolitik spielt dabei eine wichtige Rolle. Medizinische Reha (wird)…daher zukünftig eher eingefordert als abgelehnt.“ Aus der Perspektive der Sozialversicherungen ist Rehabilitation ein gutes Investment. Die rund 4000 Euro Kosten einer Reha, sind bereits nach vier Monaten wieder eingespielt, weil die gesicherte Erwerbsfähigkeit einerseits zu Beitragseinnahmen führt, andererseits Kosten für Erwerbsminderungsrenten verhindert. Nicht zuletzt werden die Betroffenen selbst in wachsendem Maße an der Sicherung ihrer Erwerbsfähigkeit interessiert sein. Das gilt vor allem für jene, die Brüche in ihrer Erwerbsbiografie haben und in fortgeschrittenem Alter merken, wie kärglich ihre Rente bemessen sein wird. Jedes Jahr in Arbeit sichert aktuelles Einkommen und mehrt den Rentenanspruch.

 

(Quelle: Ärzt Zeitung Verlags-GmbH / Autor Helmut Laschet / 17.08.2011)

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