Arzt und Pfleger können nicht ohne einander

Die Wirklichkeit überholt die Akteure der Selbstverwaltung und die Gesetzgebung. Während sich Ärzte und Kassen im Gemeinsamen Bundesausschuss noch nicht endgültig darauf geeinigt haben, wie die Delegation und Substitution ärztlicher Leistungen durch Pflegekräfte organisiert werden soll, sichern sich die Pflegeheime und andere Einrichtungen längst anderweitig ab. In Kliniken leisten heute schon Pflegekräfte die Wundambulanz. In Modellversuchen wird das Verordnungsrecht für Physiotherapeuten vorbereitet. In der Realität werde gemacht was möglich sei, berichtet Andreas Westerfellhaus in Berlin. Die Versicherungsgesellschaften beantworten dann die Fragen, wo rechtliche Bedenken gegen den Einsatz von Pflegekräften bestehen könnten und wo nicht. Ein Problem dabei ist, das in Deutschland kaum noch jemand den Wirrwarr aus Abschlüssen und Titeln durchschaut, die Pflegekräfte unter ihren Urkunden stehen haben. Das Land brauche ein vernünftiges Berufsrechtsgestz für die Pflege noch in dieser Legislaturperiode, sagte Westerferfellhaus. Es solle Pflegekräften ermöglichen, eigenverantwortlich in komplexen Situationen zu agieren. Zudem brauchten die Pflegebreufe Regelstudiengänge, die nicht nur in einzelnen Bundesländern, sondern flächendeckend für Interessenten erreichbar seien. Die Zunahme der pflegebedürftigen Menschen sorgt für einen Boom bei der Ausbildung. Im Jahr 2009 haben rund 50.000 junge Menschen eine Ausbildung in einem Pflegeberuf begonnen, meldet das Statistische Bundesamt. Nicht genug, wie die Wiesbadener Behörde voraussieht. 2025 fehlen danach bereits mehr als 150.000 Arbeitskräfte in der Branche, um die dann voraussichtlich schon mehr als 2,5 Millionen Pflegebedürftigen zu versorgen. Die Akademisierung der Pflegeberufe werde zu einer anderen Aufgabenverteilung zwischen Ärzten und Pflegekräften führen, sagte der Pflegewissenschaftler Osterbrink. Binnen zwei Jahren übernehmen seiner Einschätzung nach Angehörige der Pflegeberufe das Wundmanagement komplett. Selbständiges Handeln von Pflegekräften sei auch bei weiteren Indikationen bereits Realität, zum Beispiel bei der Versorgung von Schmerzpatienten. Voraussetzung für eine Neuorganisation der Versorgungsstrukturen seien klare Zuordnungen von Patientengruppen zu Berufsgruppen, sagte Osterbrink. Sowohl Westerfellhaus als auch Osterbrink betonen, dass es nicht darum gehe, Ärzte aus der Patientenversorgung auf die Ebene des Patientenmanagements abzuschieben. Das ergebe keinen Sinn.

(Quelle: Ärztezeitung Juli 2011)

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