Neurologie -Tics-

Tics haben viele Facetten; sie reichen vom Räuspern, Nachäffen oder Zwinkern bis zum Tourette-Syndrom mit Lautäußerungen. Sie treten bei psychiatrischen Erkrankungen wie Zwangsstörungen oder ADHS gehäufter auf und haben mit eigentümlichen Angewohnheiten nichts gemeinsam. Laut Neurologen und Psychiatern handelt es sich bei den Tics um eine neurologisch bedingte Bewegungsstörung. Vor allem bei Kindern treten diese motorischen Anomalien recht gehäuft auf; bei den 8- bis 14-Jährigen bis zu 30 Prozent. Sehr häufig verschwinden sie aber auch sehr schnell wieder. Deshalb sollten einfache Tic-Störungen auch nicht medizinisch überbewertet werden; kommen zu den motorischen Auffälligkeiten jedoch unkontrollierte Lautäußerungen hinzu (durch Beteiligung des Zwerchfells), steigt der Leidensdruck. Die Lautäußerungen können von Kaskaden von Schimpfwörtern bis hin zu bellenden Geräuschen reichen. Bei einer Dauer von mehr als einem Jahr sprechen die Ärzte vom Tourette-Syndrom. Es handelt sich um ein pathologisches Phänomen, das keinerlei Funktion erfüllt. Die Patienten erleben ihre Ausbrüche als völlig grund- oder sinnlos. Vor allem erwachsene Patienten empfinden eine starke Belastung, da sie durch ihre Tic-Attacken im Alltag oder Berufsleben unangenehm auffallen. Oft erfahren sie Häme oder Tuscheln hinter ihrem Rücken und empfinden das natürlich als sehr beschämend. Sie wünschen sich häufig einen offeneren Umgang mit ihren Eigentümlichkeiten. Zurzeit gibt es nur symptomatische Behandlungsmöglichkeiten, da die tatsächlichen Ursachen noch nicht vollständig geklärt sind. Gute Erfolge erzielt man mit einer bestimmten Form des Verhaltenstrainings, dem sogenannten Habit-Reversal-Training. Im wesentlichen sieht die Therapie vor, dass der Tic durch eine weniger störende, alternative Bewegung ersetzt wird. Weiterhin kann das bewußte Nutzen eines Gefühls, dass viele Betroffene kurz vor dem Einsetzen des Tics spüren, eingesetzt werden, um bei der ersten Vorahnung bewusst gegenzusteuern und die Bewegungsimpulse zu unterdrücken. In der Behandlung durch niedergelassene Psychotherapeuten klafft jedoch leider noch eine sehr große Versorgungslücke. In der Ursachenforschung ist man jedoch schon wieder ein gutes Stück weiter; es gibt Hinweise, dass bei einer solchen Tic-Störung wichtige Verbindungen zwischen verschiedenen Hirnarealen beeinträchtigt sind. Die Nervenbahnen, die das Stirnhirn, die Basalganglien und das limbische System verbinden, zeigen im MRT im Vergleich mit Gesunden geringe, aber erkennbare Veränderungen. Vergleichbar kann der Tremor bei Parkinsonpatienten sein. Auch bei den Tics ist der Dopaminstoffwechsel beeinträchtigt. Neurologen verordnen in schweren Fällen Neuroleptika, die die Überaktivität des Hirnbotenstoffs bremsen. Diese haben jedoch häufig schwere Nebenwirkungen wie starke Gewichtszunahme oder verlangsamtes Denken, was dann oft schlimmer empfunden wird als der Tic selbst. Vor allem bei Heranwachsenden muss der Arzt sehr gut abwägen, ob und welches Medikament er verabreicht. Bei sehr schweren Fällen gibt es eine weitere Behandlungsmöglichkeit, die sogenannte tiefe Hirnstimulation. Dieses Einsetzen eines Hirnschrittmachers hat aber noch experimentellen Charakter und wird in einer Studie seit 2008 an bisher zehn Probanden als Methode überprüft.

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