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Polyneuropathie

Bei dieser Krankheit ist das sogenannte periphere Nervensystem, also die Nervenfasern außerhalb des Gehirns und Rückenmarks, geschädigt. In den meisten Fällen kommt es zu Empfindungsstörungen der Füße und Beine, seltener der Finger, Hände, Arme oder des Rumpfes. Je nachdem welche der peripheren Nerven betroffen sind, können die Beschwerden sehr unterschiedlich sein. Manche Menschen reagieren mit Kribbeln, Überempfindlichkeit, Kältegefühl oder auch Lähmungen. Andere verspüren Taubheit oder ein Brennen in den betroffenen Regionen. In Deutschland leiden nach Schätzungen von Neurologen fünf Millionen Menschen an Polyneuropathien; wahrscheinlich liegt diese Zahl noch höher, da diese Erkrankung oft erst sehr spät oder auch gar nicht erkannt wird.

Nicht jedem Patienten kann der Arzt die genaue Ursache seiner Beschwerden benennen, denn mögliche Auslöser gibt es viele. Bei rund 80 Prozent der Betroffenen liegt ein Diabetes mellitus oder Alkoholabusus als Ursache vor; auch Krebspatienten, die sich einer Chemotherapie unterziehen müssen, leiden oft als Folge dieser Behandlung unter Polyneuropathien. Schwerer lassen sich Auslöser wie Entzündungen, Autoimmunerkrankungen, Vergiftungen, Durchblutungs- und Stoffwechselstörungen sowie auch Infektionen wie z.B. Borreliose feststellen; hier gilt dann nach Diagnostik die Ursache in der Patientenakte als unklar. Bei Neuropathien kann es auch eine erbliche Vorbelastung geben. Die Diagnostik ist oft langwierig; viele Betroffene suchen erst sehr spät einen Arzt auf und auch die gängigen Diagnose-Methoden zeigen nicht immer ein klares Ergebnis. Bei Neuropathien ohne klare Ursache werden die Muskelfunktion und die Nervenleitgeschwindigkeit getestet; ebenfalls Reflexe und die Analyse von Urin, Blut und Nervenwasser. Teilweise entnimmt man ein winziges Stück eines Nerven, um es unter dem Mikroskop zu untersuchen. Diese Untersuchung klärt, welche Nerven betroffen sind und ob ihr Kern oder die Hülle angegriffen sind. Das lässt dann Rückschlüsse auf die Ursache zu.

Die Suche nach dem richtigen Medikament für den einzelnen Betroffenen ist schwierig und auch langwierig; oft müssen mehrere verschiedene Präparate getestet werden und häufig kommt es zu unangenehmen Nebenwirkungen. Ist der Auslöser der Erkrankung bekannt, wird dieser behandelt. Bei entzündlichen Formen setzt man Immunglobuline und Kortison ein; bei Diabetikern mit nachgewiesenem Vitamin B1-Mangel hilft bisweilen die Vitaminvorstufe Benfothiamin.  Es haben sich vor allem Epilepsie-Medikamente und bestimmte Antidepressiva in der Behandlung bewährt, sie schwächen die Symptome ab. Zusätzlich müssen die Patienten individuell herausfinden, was ihnen noch Erleichterung verschaffen kann. Möglichkeiten sind Sport, Aquagymnastik, Gehtraining, Wechselduschen, Massagen und Eincremen. In einer Physiotherapie kann der Patient Gleichgewichtsübungen und Balancetraining auch als Eigenprogramm für zuhause erlernen; ebenfalls können dort gemeinsam geeignete, individuelle Hilfsmittel gefunden werden. Sehr hilfreich ist auch der Besuch von Selbsthilfegruppen, denn bei einer Erkrankungen mit so vielen unterschiedlichen Symptomen und Ausprägungen und auch Behandlungsmöglichkeiten ist der Austausch untereinander sehr wichtig und kann auch Ängste und Sorgen lindern. Auch kann der Besuch von neurologischen Fachvorträgen für Betroffene das Wissen um die Erkrankung stets verbessern und somit den Umgang mit einer Polyneuropathie erleichtern.

Pseudo-Ischias Beschwerden

Viele denken bei Pseudo-Ischias an einen Bandscheibenvorfall; jedoch ist oft nur ein bestimmter Muskel verspannt und verkrampft. Symptom ist häufig ein schmerzhaftes Ziehen in einer Pobacke, das auch bis ins Bein ausstrahlt. Hier denken die Betroffenen dann an den Ischias; anders als beim klassischen Ischiasschmerz gehen die Probleme jedoch nicht von der Wirbelsäule aus, sondern von einem kleinen Muskel namens „Musculus piriformis“, dem „birnenförmigen Muskel“. Dieser etwa fingerdicke Muskel liegt unter den Gesäßmuskeln und läuft vom Kreuzbein zur oberen Kante des Oberschenkelknochens; er durchquert in seinem Verlauf eine Öffnung im Beckenknochen und kommt dabei dem Ischiasnerv dort, wo dieser das Becken verlässt, sehr nah. Der M.piriformis ist für die Außendrehung des Hüftgelenks zuständig. Bei vermehrter einseitiger Überlastung verkrampft sich dieser Muskel, schwillt dadurch an und drückt somit auf den Nerv und klemmt ihn ein. Dieses sogenannte Piriformis-Syndrom zeigt dann ähnliche Symptome wie ein Bandscheibenvorfall; auch die darüberliegenden Gesäßmuskeln können bisweilen ischiasartige Beschwerden verursachen. Hierbei kommt es zu stechenden oder ziehenden Schmerzen im Gesäß, die in den hinteren Oberschenkel ausstrahlen können. Auch Kribbeln und Taubheitsempfinden bis in die Zehen können auftreten; ebenfalls sich bei längerem Sitzen verschlimmernde Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule. Die Gefahr einer Fehldiagnose  ist dann gegeben; um dies zu verhindern, sollte eine gründliche ärztliche  Untersuchung des Patienten vor größeren Untersuchungen wie einem MRT stehen. Bewegungstests und einfache neurologische Untersuchungen sind schon hilfreich; bei schlanken Patienten ist der Piriformismuskel an der Rückseite des Gesäßes auch zu ertasten. Der wichtigste Hinweis auf einen Pseudo-Ischias ist ein entstehender Schmerz beim gestreckten nach außen drehen des Beines gegen Widerstand oder abspreizen bei gebeugter Hüfte. Bei einem Bandscheibenvorfall kann der Schmerz bis in die Zehen ausstrahlen, beim Piriformissyndrom meist nur bis zum Oberschenkel.

Ursachen für die Verspannung des M.piriformis können langes Sitzen, z.B. am Computer oder im Auto, sein sowie einseitige Überlastung durch zu schweres Tragen oder lange vornübergebeugte Haltung. Auch beim Laufen kann es durch eine verschobene Beinachse oder unterschiedlich lange Beine zu einseitiger Belastung und damit dem Pseudo-Ischias kommen. Dieser wird im Gegensatz zum Bandscheibenvorfall rein konservativ behandelt. Hier ist die Arbeit von Physiotherapeuten gefragt. Diese erstellen einen gründlichen, ganzheitlichen Befund zum Ausschluß eventueller Fehlstellungen von Gelenken oder Fehlhaltungen; dann sollen gezielte Dehnübungen die verspannten Muskeln lockern. Der Patient bekommt genaue Anweisungen, diese Übungen auch regelmäßig selbst durchzuführen. Bei der manuellen Therapie werden zudem auch schmerzhafte Triggerpunkte, also einzelne verkürzte Muskelfasern, die als verhärtete Knötchen zu ertasten sind, erspürt und entsprechend physiotherapeutisch bearbeitet. Diese Behandlung kann, wenn der Therapeut die richtigen Punkte trifft, sehr schmerzhaft sein; dies ist aber nicht zu vermeiden. Orthopäden behandeln die Triggerpunkte auch mit speziellen Akupunkturnadeln oder fokussierten Stoßwellen. Vor allem zu Beginn ist eine begleitende Behandlung mit entzündungs-und schmerzhemmenden Medikamenten sinnvoll. Und sehr wichtig ist es, die Beschwerden nicht zu lange zu ertragen, denn je schneller man die Behandlung beginnt desto eher verschwinden sie wieder. Vor allem das Beseitigen der Ursachen ist zur Vermeidung einer chronischen Entwicklung sehr wichtig und auch das regelmäßige Durchführen der erlernten Dehn- und Muskelübungen.

Reizdarm

Laut Schätzungen leiden vier bis zehn Prozent der deutschen Bevölkerung unter immer wiederkehrenden Krämpfen, Durchfällen, Blähungen und Verstopfungen…dem Reizdarm-Syndrom. Das Rätsel um diese Erkrankung ist von Medizinern noch nicht endgültig gelöst, da sie so viele verschiedene Facetten aufzeigt. Im menschlichen Darm leben Billionen nützlicher Bakterien; doch bei manchen Menschen ist deren Gleichgewicht empfindlich gestört und oft sind die Beschwerden so schlimm, dass sie den kompletten Tagesablauf bestimmen: Chaos in der Darmflora.

Das Leiden kann zwar von Ärzten diagnostiziert werden, jedoch ist nur ein Teil der Auslöser dafür bekannt. Es können Stress, Infektionen, genetische Veranlagung, psychische Belastung oder auch die Einnahme von Antibiotika sein; diese Vielfalt erschwert die Therapie und hat oft einen Behandlungsmarathon für den Patienten zur Folge. Denn die passende Therapie für den einen kann bei einem anderen Patienten völlig wirkungslos sein. In der Forschungsarbeit wird für ein vollständiges Bild dieser Erkrankung vermehrt an dem Wissen um das Mikrobiom, also die unzähligen Bakterien, die in und auf einem Menschen leben, gearbeitet. Diese Bakterien leben in den Schleimhäuten, im Mund, Magen und Darm; allein im Dickdarm leben circa 1400 verschiedene Arten. Die Reizdarm-Forscher halten es für gut möglich, das diese winzigen Organismen ein guter Lösungsansatz sind. Denn wie lange gedacht sind diese Bakterien nicht nur für die Verdauung zuständig, sondern neue Erkenntnisse zeigen, dass sie bei unzähligen Prozessen eine Rolle spielen und vielfältige Aufgaben haben. Sie beeinflußen offenbar nicht nur unser psychisches Wohlbefinden, das Immunsystem und Körpergewicht, sondern auch die Entstehung von Erkrankungen wie zum Beispiel Rheuma, Diabetes, Depressionen, multiple Sklerose und eben auch dem Reizdarm-Syndrom. Fakt ist: Gerät das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht, leidet die Gesundheit; wie weit die Zusammenhänge reichen, wird von der Wissenschaft gerade erst zu entdecken begonnen.

Nachdem sich die Studien zu diesem Thema in den letzten Jahren vervielfacht haben und ständig neue Erkenntnisse hinzukommen, sind Experten überzeugt, dass das Mikrobiom bei Reizdarmpatienten eine wichtige Rolle spielt. Die Symptome des Reizdarms lassen sich in vielen Fällen über die Darmflora beeinflussen.; mittlerweile kann belegt werden, dass sich Darmflora und Stuhl von RD-Patienten deutlich von dem gesunder Menschen unterscheiden. Die Anzahl sogenannter Proteo- und Firmicutesbakterien kommt zum Beispiel vermehrt vor, die der Bacteroides, Acinetobacter und Bifido-Bakterien ist verringert. Das weist auf eine Störung des Darm-Mikrobioms hin; man weiß jedoch noch nicht, ob es eine Folge oder eine Ursache des Leidens ist. In jedem Fall bezeichnen die Mediziner dies als Stellschraube der Erkrankung und daran drehen lässt sich wohl am besten mit sogenannten Probiotika.

So bezeichnet man lebende Hefepilze und Bakterien, die in milchsauren Produkten wie Kefir, Buttermilch und Joghurt vorkommen. Diese gehören zu den gesundheitsförderlichen Mikroben und tragen dazu bei, krank machende Erreger in Schach zu halten und die Darmbarriere zu stärken. Viele Mediziner sind von der positiven Wirkung überzeugt; die Probiotika wirken im Körper vielfältig wie zum Beispiel beim Hemmen des Wachstums schädlicher Bakterien und deren Anhaften an die Darmschleimhaut, dem Lindern von Entzündungen, der Verbesserung der Darmbewegung und der Stärkung des Immunsystems. Deshalb wurde 2011 die Therapie mit Probiotika in die Leitlinien zur Behandlung des Reizdarm-Syndroms aufgenommen. Zu therapeutischen Zwecken braucht es höhere Dosierungen als durch Aufnahme von vermehrtem Verzehr von speziellen Milchprodukten erreicht werden kann; es müssen genug lebende Bakterien in den Darm gelangen. Ebenso ist die Wahl des Bakterienstammes wichtig; laut Leitlinien helfen E. coli Nissle Bakterien vermehrt bei Verstopfung, andere wiederum bei Blähungen und Lactosebakterien vermehrt bei Durchfall. Manchmal muss nacheinander ausprobiert werden, was anschlägt. Generell braucht es bei der Therapie viel Geduld; es dauert oft mehrere Wochen, bis die Wirkung eintritt. Sie hält auch nur für die Zeit der Einnahme der Bakterien an; ob eine Probiotika-Behandlung wirklich anschlägt, kann jedoch niemand vorhersagen. Laut Ärzten besitzen die Probiotika ein enormes Potenzial, jedoch sind sie bei manchen Patienten völlig wirkungslos. Das Warum ist eben eine der noch vielen offenen Fragen bei dieser Erkrankung. Muss die Ernährung umgestellt werden? Müssen Probiotika vielleicht mit Ballaststoffen kombiniert werden? Ist die Darreichungsform (Kapseln oder direktes Aufbringen auf die Schleimhaut) entscheidend? Es wird auch an sogenannten Stuhl-Transplantationen (fäkaler Mikrobiom-Transfer) gearbeitet. Hierbei wird aufbereiteter Stuhl eines gesunden Spenders in den Darm eines Erkrankten eingebracht, um dort ein gesundes Bakterienmilieu herzustellen. Dies ist zumindest bei einer bestimmten Infektion schon effektiv. Bisher gilt es jedoch eher als Option für bestimmte Einzelfälle, bei denen nichts anderes anschlägt.

Daher gilt für alle anderen im Moment der ernsthafte Versuch einer Therapie mit dem richtigen Stamm von Probiotika, über einen langen Zeitraum und in ausreichender Dosierung verabreicht. Die Einnahme ist unkompliziert, es gibt keine nennenswerten Nebenwirkungen und die Therapie lässt sich gegebenenfalls mit anderen Maßnahmen kombinieren. Die Forschung geht weiter….

 

Panikattacken

Laut psychiatrischen Studien erlebt jeder fünfte Mensch in Deutschland einmal im Leben eine Panikattacke; eine Panikstörung entwickelt sich bei circa vier Prozent. Hierbei kehrt die Angst immer wieder zurück. Scheinbar aus dem Nichts, einfach so oder auch in bestimmten Situationen. Typische Auslöser sind volle Kaufhäuser oder große Menschenansammlungen. Je stärker diese Erkrankung ausgeprägt ist, desto mehr bestimmt sie den Alltag der Betroffenen. Panikattacken sind extreme Erlebnisse; man zittert, schwitzt und hat das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Der Herzschlag ist mitunter schmerzhaft zu spüren. Die Angst, einen Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erleiden steigt nach oben; weil alles um einen herum unwirklich erscheint, kommt die Angst verrückt zu werden hinzu. Man möchte davonlaufen, aber es geht nicht, weil die Angst mitrennt und letztlich glaubt man in dieser Angst zu sterben.

Das geschieht aber nicht. Laut Fachmedizinern ist einen Panikattacke harmlos; sie geht wieder vorbei. Meisthin erreicht sie in den ersten zehn Minuten ihren Höhepunkt und ist nach etwa einer halben Stunde abgeklungen. Der Körper könnte diesen extremen Zustand gar nicht länger aufrechterhalten. Grundsätzlich ist diese Alarmreaktion sogar, evolutionär betrachtet, gesund; sie soll uns auf Gefahren aufmerksam machen und eine Flucht- oder Kampfreaktion auslösen. Die Aufmerksamkeit ist dann stark erhöht, der Körper schüttet das Stresshormon Adrenalin aus, stellt die Blutgefäße enger, pumpt mehr Blut durch die Gefäße und bereitet so die Muskeln auf kommende Mehrarbeit vor. Heutzutage liegt das Vorkommen einer Panikattacke an einer Vielzahl von möglichen Ursachen und Risikofaktoren. Die Veranlagung dazu kann erblich sein, ebenso weiß man heute, dass starker Alkoholkonsum und gewisse Drogen die Attacken begünstigen. Auch Krankheitsereignisse wie ein Herzinfarkt spielen eine Rolle. Vor allem ist die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen entscheidend, wie anfällig er für Panikattacken ist. Hat er ein generelles Vertrauen in sich selbst oder das Leben? Wie gut geht er mit Ängsten um, verarbeitet und ordnet sie ein? Hat er eine geeignete Strategie mit Stress umzugehen; erkennt er gegebenenfalls überhaupt, ob er in einer emotional schwierigen und stressigen Situation steckt?  Davon wird bereits in der Kindheit vieles erlernt und anerzogen; schwerer haben es Menschen, die überbehütet waren. Aber auch emotional vernachlässigte Menschen, die nicht genug Geborgenheit und Unterstützung erfahren haben, tragen ein erhöhtes Risiko für Angsterkrankungen. Der Mensch braucht die Sicherheit, sich in Gefahrensituationen an seine Bindungsperson wenden zu können, dass jemand helfen und sich kümmern wird. Diese Art des Vertrauens macht dann gelassener.

Die Panik bricht in der Regel in schwierigen Lebenssituationen, in denen das Stressniveau besonders hoch ist, aus. Das Gehirn ist dann irgentwann überfordert und kann das Angstnetzwerk nicht mehr ausreichend und richtig steuern. Es gibt individuelle Unterschiede, welche der möglichen Faktoren zusammenkommen müssen, um eine Panikattacke auszulösen und auch die Art und Weise, wie Betroffene mit einer solchen umgehen, ist verschieden. Manch einen ereilt scheinbar aus dem Nichts eine Attacke; er geht dieses jedoch rational an, läßt beim Arzt abklären, ob seine Organe gesund sind und hakt bei unauffälligen Befunden diesen Vorfall für sein weiteres Leben als bedeutungslos ab. Andere können das nicht; obwohl eine Attacke vielleicht schon länger zurückliegt, hat sich die Furcht tief ins Gedächtnis gebrannt und die Angst läßt sie nicht los. Sie gehen das Erlebte immer wieder durch, grübeln und malen sich alle möglichen Erkrankungen, die sie haben könnten aus. Oft geraten sie dann in eine Spirale, bei der sie dann die Angst vor der Angst entwickeln. Es kommt zu Vermeidungsstrategien ( z.B. nicht mehr den Aufzug oder die U-Bahn benutzen) , die zwar eine normale Reaktion sind, aber der Betroffene lässt sich dann zu sehr von seiner Angst leiten.

Oft dauert es mehrere Jahre, bis es zu der Diagnose einer Panikstörung kommt. Die Symptome sind recht unspezifisch und häufig lassen Betroffene selbst nicht zu, das verdrängte Gefühle oder Konflikte und Stress sie quälen. Die Krankheit lässt sich aber relativ gut behandeln. Durch eine Therapie, in der sich die Patienten ihrer Angst stellen und auch herausfinden, was genau sie stresst, können in etwa 80 Prozent der Fälle Erfolge erzielt werden. Je früher eine Therapie beginnt, desto besser die Heilungschancen. Bei stark ausgeprägten Angsterkrankungen oder auch zusätzlichen Problemen wie Depressionen können von den behandelnden Ärzten auch zusätzlich Psychopharmaka eingesetzt werden. Diese Medikamente können dann das Angstnetzwerk im Gehirn regulieren. Viele Betroffene befürchten auch soziale Ausgrenzungen, wenn ihre Problematik bekannt würde. Das geschieht auch leider durch Unwissenheit häufiger, jedoch kann der Betroffene durch Aufklärung und Therapie seinerseits erlernen, auch damit selbstbewußter umzugehen.

Traumaforschung -Das Gute im Schlechten-

Seit etwa der 70er-Jahre haben amerikanische Psychologie-Professoren in der Traumaforschung auch nach solchen Patienten gesucht, die aus einem Schicksalsschlag oder Trauma gestärkt hervorgehen. Das Trauma kann für diese Menschen dann nicht Endstation, sondern ein Wendepunkt im Leben sein. Sie verändern Eckpunkte ihres Lebens und sehen nun einen vermehrten Sinn in dem, was sie tun. Dieser Aspekt der Traumaforschung entstand eigentlich aus der wissenschaftlichen Frage, was Weisheit sei. Die Wissenschaftler befragten dazu Personen, die früh ihre liebsten Menschen verloren hatten, Kriegsversehrte oder Menschen, die andere schwere Schicksalsschläge zu verkraften hatten. Hier fiel auf, dass sich einige dennoch gut im Leben behaupteten und sogar sagten, das Erlebte habe sie auch zum Guten verändert. Nach zehn Jahren der Untersuchung dieses Phänomens gaben die Professoren ihm den Namen: Posttraumatic Growth PTG ( im deutschen posttraumatische Reifung oder auch Wachstum).

Hier versucht man nun, eine tiefergreifende Wandlung in der Traumaverarbeitung zu beschreiben. Menschen, die Traumata erleben, reagieren darauf sehr unterschiedlich. Einige verzweifeln daran; andere kehren nach kurzer Zeit wieder in ihre Routine zurück, beinahe so, als wäre nichts geschehen. Fachleute bezeichnen das als Resilienz, die mentale und psychische Widerstandsfähigkeit in Krisen. Wieder andere werden von den traumatischen Erlebnissen aus der Bahn geworfen und ändern daraufhin ihre Lebensziele und Perpektiven. Sie reifen daran. Die Psychologie hat sich sehr lange nur auf die negativen Aspekte und Symptome, die Krisen verursachen, konzentriert. Dabei war das Konzept des posttraumatischen Wachstums schon im antiken griechischen Drama ein starkes Element, wenn nämlich der Held in Krieg und Kampf zog, Verlust und Gefahr erlebte und als ein anderer, geläuterter Mensch nach Hause zurückkehrte.

Laut führenden Wissenschaftlern auf dem Gebiet der PTG auch in Europa bedeutet die Reifung jedoch nicht zwingend glücklicher zu sein. Denjenigen, die solch ein Wachstum erfahren, geht es nicht unbedingt gut und auch schon gar nicht besser als vorher. Aber gewisse Aspekte des Lebens sind besser als zuvor. Sie erkennen ihre Stärken, leben intensiver und erkennen einen tieferen Sinn ihres Lebens. Auch haben sie dann häufig tiefere Freundschaften. Aber Glück und Leid schließen dabei einander nicht aus; traumatisierte Menschen kämpfen und hadern mit ihrem Schicksal, ziehen aber etwas Positives daraus. Viele berichten nach einem Trauma, sie seien nun verletzlicher als zuvor, aber dadurch auch empfindsamer. Zwei Muster fallen in der Studie immer wieder auf: Menschen, die sexuelle Gewalt durchlebt haben, setzen sich danach für Kinderschutz ein und finden in der schweren Aufgabe einen neuen Lebenssinn und Überlebende von Unfällen erfahren in dieser Krise oft erstmals, dass sie sehr gute Freunde haben, auf die sie sich verlassen können. Laut der Studien erfahren circa 50-80 Prozent der Menschen, die Traumata überstehen, irgenteine Form von PTG. Andere Psychologen sehen diesen Aspekt skeptisch, man könne ja nicht seriös überprüfen, ob jemand wirklich gereift sei oder nur eine Illusion der Reifung bestünde, es also Einbildung sei. Hier entgegnen die Forscher jedoch, dass man sich ja auch bei der Schilderung negativer Symptome auf das vom Patienten Erzählte verläßt, warum nicht also auch auf die positiven Prozesse? Der Nachweis von PTG ist natürlich schwer; doch wenn jemand so empfindet, dass er nach einem Trauma ein besseres Gefühl und Verständnis für seine eigenen Fähigkeiten hat, gehört das eben zur subjektiven Wahrheit dieser Person und laut Therapeuten wäre die Behauptung, das sei eine Illusion, falsch. Es gibt sicher eine eingebildete und eine echte Reifung; vielleicht hilft es dem Menschen ja auch im ersten Moment, sich an einen eingebildeten Gewinn zu klammern; dies darf nur nicht die weitere Verarbeitung des Traumas verhindern. Man sollte versuchen, positive, bleibende Veränderungen zu erkennen.

Die Traumatherapie ist offen für PTG, jedoch sollte es nicht zu früh in der Behandlung angesprochen werden, denn bei der Frage nach positiven Veränderungen kurz nach einem Trauma reagieren Betroffene erstmal mit Unverständnis und sogar Wut. Sie wollen erst einmal in ihrer Trauer und Verzweiflung verstanden werden. Wachstum und Reifung brauchen Zeit. Warum mancher den Weg zum Wachstum findet und ein anderer vielleicht nicht, ist schwer zu sagen. Dazu scheinen Offenheit für Neues und bestimmte Persönlichkeitsmerkmale beizutragen. Nachzuvollziehen, was das Erlebte mit einem macht und sich zutrauen damit zurechtzukommen, ist ebenfalls hilfreich. Hier spricht man vom Kohärenzgefühl. Erstaunlich ist wohl, das gerade diejenigen am ehesten reifen, die besonders stark erschüttert werden, denn sie müssen sich intensiv mit den Folgen auseinander setzen im Gegensatz zu Personen, die keine Symptome einer Belastungsstörung entwickeln. Wiegt die Belastungsstörung allerdings zu schwer, steht sie einer Reifung im Wege.

Erzwingen kann man PTG keinesfalls; es wäre fatal, wenn traumatisierte Menschen auch noch das Gefühl bekämen, sie hätten beim Wachsen an ihrem Trauma versagt. Daher: das Überwinden eines Traumas und die Heilung von einer Belastungsstörung sind auch ohne Reifung möglich.