Epilepsie

Laut einer großen internationalen Studie könnten mehr Menschen mit Epilepsie als bisher von einer Operation profitieren. Die Forscher werteten Daten von knapp 10000 Patienten aus, die sich aufgrund unzureichender Behandlungsergebnisse durch Medikamente einer entsprechenden Operation unterzogen hatten. Danach waren 58 Prozent der betroffenen Erwachsenen komplett anfallsfrei, bei den Kindern lag die Erfolgsquote sogar noch etwas höher. Für Fachärzte ist das ein Grund mehr, auch einen chirurgischen Eingriff in Betracht zu ziehen, wenn Medikamente den Patienten nicht helfen. Etwa 10 Prozent der Patienten könnten von einer Operation profitieren; wenn laut Fachärzten zwei Medikamente nicht ausreichen, um Anfälle zu verhindern, sollte die Möglichkeit eines Eingriffs zumindest untersucht werden. Derzeit werden in Deutschland nur 500 Operationen pro Jahr bei der sogenannten pharmakoresistenten Epilepsie durchgeführt, bei der Gesamtzahl an Patienten  ein sehr geringer Anteil. Laut der deutschen Epilepsievereinigung befinden sich rund 500000 Betroffene in ärztlicher Behandlung; somit könnten laut Experten davon mehrere 10000 durch eine Operation dauerhaft anfallsfrei werden.

Das wäre ein sehr wichtiges Ziel, denn häufig werden epileptische Anfälle unterschätzt. Vor allem generalisierte Anfälle, die ein Impulsgewitter im ganzen Gehirn auslösen und neben Krampfanfällen auch Bewußtlosigkeit verursachen, sind riskant. Die Folgen können dramatisch sein und zum Beispiel Herzrhythmusstörungen verursachen oder die Atemregulation beeinträchtigen. Schätzungsweise 600 bis 1000 Patienten sterben in Deutschland jährlich an den Folgen eines epileptischen Anfalls.

Dabei gilt die Epilepsie heutzutage als gut behandelbar. Zwei Drittel der Patienten werden allein durch Medikamente dauerhaft anfallsfrei; sie sind immer noch der Hauptpfeiler der Therapie. Die modernen Medikamente wirken zwar nicht besser als früher, sind aber verträglicher und haben so die Behandlung deutlich verbessert. Auch die Weiterentwicklung läuft; mehrere Wirkstoffe werden derzeit klinisch geprüft, unter anderem auch Substanzen aus der Cannabispflanze. Hier sind die Experten jedoch, was die Wirkungsmöglichkeiten angeht, noch skeptisch. Der Trend der neuen Studien geht in Richtung Entwicklung spezifischer Therapien für einzelne Epilepsieformen.

Oft dauert es trotz der guten therapeutischen Möglichkeiten Jahre, bis die Erkrankung diagnostiziert wird. Auch Patienten, bei denen Medikamente nicht ausreichend ansprechen, werden im Durchschnitt erst 16 Jahre nach dem ersten Anfall operiert. In dieser Zeit kann für diese Menschen viel passieren: Verlust des Führerscheins oder der Arbeit und teilweise auch des Freundeskreises. Trotzdem scheuen viele Betroffene aus Angst vor einem Eingriff am Gehirn den Gang in ein Fachzentrum zu einer stationären Diagnostik. Viele wissen auch gar nicht um die Möglichkeiten oder haben sich an ihre Situation gewöhnt. Die Ängste werden ernst genommen, die diagnostischen und therapeutischen Methoden sind in den letzten Jahren jedoch stetig verbessert worden. Vor allem die Bildgebung hat sich deutlich verbessert, in modernen MRT-Apparaten kann eine detailiertere Sicht auf das Gehirn und viel mehr seiner einzelnen Schichten genommen werden. So kann sich auch komplexeren Fällen angenommen werden. Oft kann man auf dem MRT-Bild schon kleine Veränderungen, die für Anfälle verantwortlich sein können, erkennen. Auch können sich mittlerweile niedergelassene Neurologen in entlegeneren Regionen durch die neuen Techniken per Videokonferenzen mit Fachkliniken  über Patienten und deren therapeutische Möglichkeiten austauschen und so ein schlüssiges Behandlungskonzept für die Betroffenen entwickeln. Die Frage, ob eine Operation für einen Patienten infrage kommt, kann jedoch nur in einem Epilepsiezentrum selbst geklärt werden. Der Betroffene wird dort für ein Elektroenzephalogramm (EEG) verkabelt; eine Vielzahl von Elektroden auf dem Kopf nimmt die Nervensignale aus dem Gehirn auf und sendet sie per Funk an die Zentrale. Die Mediziner warten dann auf einen epileptischen Anfall; der Patient wird zusätzlich rund um die Uhr per Video überwacht. Ein Arzt im Nebenraum kann über Monitore jede Regung des Gesichts und der Augen und ansonsten auch jede Bewegung beobachten und so Informationen sammeln, in welcher Region des Gehirns die Epilepsie beginnt. Das ist dann die Voraussetzung für einen möglichen chirurgischen Eingriff; manche Patienten müssen, um einen Anfall auszulösen, für die Dauer des Aufenthalts ihre Epilepsiemedikamente absetzen. Ist die Auflösung für ausreichende EEG-Daten zu schwach können die Elektroden für die Dauer der Untersuchung operativ auch unter die Schädeldecke implantiert werden ( sogenannte Tiefenelektroden werden heute häufiger eingesetzt ) . Schließlich ermittelt eine neurophysiologische Untersuchung dann, ob ein Eingriff körperliche oder geistige Fähigkeiten verändern würde. So versuchen die Fachmediziner, das Risiko eines Eingriffs auf ein Minimum zu reduzieren. Mögliche Eingriffe:

Resektion Entfernen der fehlerhaften Gehirnbereiche, von denen die Epilepsie-Signale ausgehen, durch Neurochirurgen. Hier wird unter Vollnarkose die Schädeldecke eröffnet und das schadhafte Gewebe mittels Mikrosaugern, Ultraschall oder einer stromdurchflossenen Pinzette entfernt.

Durchtrennung Hier genügt es, die Nervenverbindungen des schadhaften Gewebes zum Rest des Gehirns zu durchtrennen.

Stimulationsverfahren Elektrische Impulse (mithilfe von Elektroden erzeugt) sollen die Aktivität von Nervenzellen im Gehirn beeinflussen.  Bei der tiefen Hirnstimulation wird ein Stimulator unter das Schlüsselbein implantiert. Die Elektroden kommen dann in den tiefen Bereich des Gehirns, den Thalamus. Dadurch werden die Anfälle meistens nicht verhindert, sondern allenfalls reduziert. Gleiches bei der Nervus-vagus-Stimulation; dabei wird die Elektrode im Halsbereich am Vagusnerv befestigt. Dieser Nerv verbindet den Hirnstamm mit zahlreichen inneren Organen. Vermutlich aktivieren hier die Schrittmacherimpulse hemmende Nervenzellen; diese Art der Stimulation eignet sich dann, wenn kein Herd gefunden werden kann oder der Patient keinesfalls am Gehirn operiert werden möchte.

Kommentieren