Mediziner lernen fast nichts über Sucht

Das fünfjährige Studium für angehende Ärzte in Deutschland hat Schwachstellen. Verschiedene Themen werden kaum bearbeitet. Die Studenten haben nach der Bearbeitung des Themas „Suchterkrankungen“ keine ausreichende Kompetenz, obwohl sich die Mehrzahl der Studenten mehr Information zu den Themen Alkoholabhängigkeit und Suchtprävention wünscht.

Suchterkrankungen sind Teil des gesellschaftlichen Lebens: Etwa fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung leiden an Suchterkrankungen. Sie sind abhängig von Alkohol, Zigaretten oder Medikamenten. Die Betroffenen büßen dadurch einen großen Teil ihrer Lebensqualität ein, viele versterben verfrüht an der Erkrankung oder deren Folgesymptomen.

Präventiv eingesetzte Maßnahmen wie Werbung, Flyer und Artikel warnen vor den Gesundheitsrisiken und den möglichen Folgeerkrankungen des Rauchens; Jugendliche werden auf die Gefahren des Drogen- und des übermäßigen Alkoholkonsums aufmerksam gemacht – doch die ersten Ansprechpartner der Suchtkranken, die Bereitschaftsärzte in den Krankenhäusern, verfügen nicht über die Kompetenz, die Patienten umfänglich über die Risiken aufzuklären und ihnen Wege aus der Sucht aufzuzeigen. Ausgebildete Gesundheitsberater könnten hier tätig werden. Sie werden jedoch von den Krankenkassen nicht anerkannt. An dieser Schnittstelle wäre eine enge Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Gesundheitsberatern wünschenswert und möglich.

Eine Studie deckt den Missstand auf: Am Ende eines fünfjährigen Medizinstudiums haben die Studenten nicht einmal zehn Stunden das Thema Sucht behandelt. Der Rahmenplan sieht vor, 135 Minuten der Tabakabhängigkeit zu widmen und gerade einmal drei Stunden in fünf Studienjahren dem Alkoholismus.

Weniger als ein Drittel der Medizinstudenten in Deutschland gibt an, über die Folgeerkrankungen von Alkoholabhängigkeit ausreichend informiert zu sein. Weniger als zwanzig Prozent der zukünftige Ärzte wären nach eigener Einschätzung in der Lage, ihren Patienten eine kompetente Raucherberatung anzubieten, die diese fachlich überzeugt und von der Zigarette wegführt.

Diagnostizierte Suchterkrankungen verursachen Kosten in der Behandlung sowie der Therapie. Ist die Therapie aber nicht erfolgreich, verursacht der Erkrankte Langzeitkosten für die Krankenkassen. Folgeerkrankungen des Rauchens sind z. B. Bronchitis, Atemwegsprobleme, Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Krebs.

Durch die hohe Anzahl an Suchtkranken haben diese Erkrankungen mittlerweile eine ähnliche Relevanz wie Diabetes erreicht. Doch im Unterschied zu an Diabetes Erkrankten kann den Suchtpatienten bisher wenig geholfen werden. Die Behandlung einer Suchterkrankung erfordert ausführliche Gespräche, Beratungssitzungen und unterschiedliche Therapien.

Die Berliner Charité hat im Jahr 2010 einen Modellstudiengang mit dem Studienmodul „Mensch und Gesellschaft“ ins Leben gerufen. Das Modul vermittelt die Grundlagen der Suchtmedizin und greift die für angehende Ärzte entscheidenden Themen auf. So lernen die Studierenden in den Themenbereichen „Kommunikation, Interaktion und Teamarbeit“ den fachlichen Umgang mit Suchtpatienten. Die Charité fordert eine Anpassung der Lerninhalte für das Medizinstudium.

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