Streit um Kompetenzen

Wenn sich ein Patient in Zukunft wegen seiner Zuckerkrankheit in Behandlung geben möchte, hat er vielleicht zwei verschiedene Arten der Behandlungen, zwischen denen er wählen kann: Zum einen der Arzt und außerdem den Diabetes-Berater.

Sowohl Arzt als auch Diabetes-Berater könnten dem Patienten dann Rezepte ausstellen, die Krankheit Therapieren und auch diagnostizieren. Genau das entspricht den Vorstellungen des Vizepräsident des Deutschen Pflegerates Franz Wagner der sich eigenverantwortliche Pflegeexperten gut vorstellen kann.

Der Hauptgrund für solche Überlegungen ist der immer weiter fortschreitende Ärztemangel in Deutschland, welcher auch zu Plänen führt, nach denen Pflegekräfte in Zukunft diverse Aufgaben übernehmen könnten, welche derzeit den Ärzten vorbehalten sind. Denn schon jetzt hat ein Arzt pro Patient nur etwa acht bis neun Minuten Zeit um diesen zu Untersuchen und eine angemessene Behandlung festzulegen. Diese kurze Zeit entsteht dadurch, dass ein deutscher Arzt am Tag im Durchschnitt 50 Patienten behandeln muss und außerdem auch seine Praxis verwalten muss. Damit mindern diese beiden Faktoren die Zeit für den einzelnen Patienten maßgeblich.

Zu den Aufgaben, die Pflegekräfte in Zukunft eigenverantwortlich übernehmen dürfen, zählen unter Anderem Injektionen, das Legen von Magensonden und Infusionen sowie die Versorgung von Patienten mit Diabetes, Bluthochdruck und Demenz.

Diese Veränderungen wurden vom Gemeinsamen Bundesausschuss vor kurzem in den „Richtlinien zur Heilkundeübertragung“ festgehalten und beschlossen. Allerdings spaltet diese Entscheidung die deutsche Welt des Gesundheitswesens in zwei Seiten. Die Gemeinschaft fachärztlicher Berufsverbände lehnte den Entwurf zum Beispiel in vollem Umfang ab und forderte im gleichen Zug den Bundesgesundheitsminister auf, diese Richtlinien auf keinen Fall zum Gesetz werden zu lassen.
Man sieht die Gefahr, dass es zur „Aufsplitterung der ärztlichen Qualität“ kommen könnte, so Jörg Berling – stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Weiter heißt es, dass jeder Patient das Recht auf eine Versorgung mit Facharzt-Niveau habe und deshalb sowohl Diagnostik als auch Therapie die alleinige Aufgabe des Arztes bleiben müsse.

Dabei ist diese Aufregung teilweise gut verständlich, da es die neuen Richtlinien erlauben, dass Kranken- und Altenpfleger schon in naher Zukunft, im Rahmen eines Modellprojektes, erstmals die heilkundlichen Aufgaben eines Arztes übernehmen. Dabei geht es allerdings lediglich um bestimmte Formen der Behandlung wie Injektionen, Infusionen und die Versorgung bei Diabetes, Bluthochdruck, chronischen Wunden und Demenz. Es handelt sich also um Krankheiten, mit denen das Pflegepersonal schon jetzt täglich zu tun hat und auch schon jetzt teilweise in die Behandlung eingebunden sind, allerdings ist dabei bisher eine enge und dauerhafte Rücksprache mit dem behandelnden Arzt nötig, was mit den neuen Richtlinien wegfallen würde.

Mit diesen beschlossenen Modellvorhaben wird erstmals die strikte Trennung zwischen Arzt und Nicht-Arzt durchbrochen. Zwar bleibt auch in Zukunft die Diagnose eines Arztes verpflichtend, jedoch können auf der Basis dieser Diagnose Kranken- und Altenpfleger nahezu komplett selbstständig arbeiten.
Diese Modellversuche sollen in vier Jahren beginnen, so schätzt der Deutsche Pflegerat. Zuvor müssen noch spezialisierte Pflegekräfte ausgebildet werden. Dies soll in einer dreijährigen Erstausbildung, ohne anschließende Weiterbildungen geschehen.

Eine Beteiligung der Pfleger bei der Diagnose bestimmter Krankheiten hält der Vizepräsident des Deutschen Pflegerates Franz Wagner zwar für denkbar, allerdings nur begrenzt realistisch, weshalb er als „Idealvorstellung Gemeinschaftspraxen von Pflegeexperten und Ärzten“ nennt.

 

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